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Warum Juckreiz auch mit dem Darm zusammenhängen kann

Darm · Immunsystem · Haut – Zusammenhänge ganzheitlich betrachtet

Einleitung: „Milo kratzt sich – aber ist die Haut tatsächlich das ganze Bild?“

Milo ist ein einjähriger Malteser. Seit einigen Wochen fällt seiner Halterin auf, dass er sich zunehmend häufiger kratzt. Besonders auffällig ist, dass er immer wieder an seinen Pfoten knabbert, sich an den Ohren kratzt und sein Gesicht an Teppichen oder Möbeln reibt.

Bei der äußerlichen Betrachtung zeigt sich zunächst keine eindeutige Ursache. Es sind keine offensichtlichen Parasiten zu erkennen, die Haut weist keine ausgeprägten Veränderungen auf und auch Verletzungen lassen sich nicht feststellen.

Trotzdem ist klar: Milo hat Juckreiz – aber warum?

Damit beginnt die eigentliche Ursachenforschung. Denn das sichtbare Symptom verrät uns nicht automatisch, wo die Ursache zu finden ist.

Zunächst einmal sollten möglichst naheliegende Ursachen des Juckreizes wie beispielsweise Parasiten oder Malassezien abgeklärt werden.

Erst wenn solche Ursachen ausgeschlossen oder entsprechend behandelt wurden, lohnt sich der nächste Schritt: ein genauerer Blick auf die Fütterung, das Darmmikrobiom und die Darmbarriere.

Denn gerade bei chronischem oder immer wiederkehrendem Juckreiz kann es sinnvoll sein, nicht nur die Haut zu betrachten, sondern auch zu fragen: Welche Rolle spielt der Darm?

Du bist, was du isst – oder?

Die zentrale Rolle der Ernährung für die Hundegesundheit ist längst kein Geheimnis mehr.

Dabei vertrete ich klar den folgenden Standpunkt: „Finger weg von Fertignahrung und ein klares JA zu selbstzubereitetem Hundefutter.“

Was im Futternapf landet, hat auch Einfluss auf Haut und Fell des Hundes.

Für eine gesunde Hautbarriere und ein glänzendes Fell sind beispielsweise essenzielle Fettsäuren, insbesondere Omega-3-Fettsäuren, sowie Vitamine, Zink, Biotin und weitere Mikronährstoffe von Bedeutung.

Doch damit ist noch lange nicht sichergestellt, dass die Nährstoffe auch dort ankommen, wo sie benötigt werden.

Was im Napf landet, muss noch lange nicht im Körper ankommen

Damit diese Nährstoffe Haut und Fell überhaupt zur Verfügung stehen können, müssen sie zunächst über den Darm aufgenommen werden. Eine entscheidende Rolle spielt dabei die Darmschleimhaut. Ihre Oberfläche ist durch Darmzotten und Mikrovilli stark vergrößert und darauf spezialisiert, aufgespaltene Nährstoffe aus dem Darminhalt aufzunehmen und an den Körper weiterzugeben.

Ist die Darmschleimhaut geschädigt oder in ihrer Funktion beeinträchtigt, kann auch die Nährstoffaufnahme gestört sein. Man spricht dann von einer Malabsorption. Obwohl über die Nahrung ausreichend Nährstoffe zugeführt werden, gelangen diese nicht mehr in ausreichendem Maße in den Organismus. Je nachdem, welche Nährstoffe betroffen sind und wie ausgeprägt die Störung ist, können sich die Folgen unter anderem an Haut und Fell bemerkbar machen, etwa durch trockene und schuppige Haut, stumpfes Fell, vermehrter Haarverlust oder eine erhöhte Empfindlichkeit der Haut.

Doch die Bedeutung der Darmschleimhaut geht weit über die Aufnahme von Nährstoffen hinaus. Sie bildet gleichzeitig eine wichtige Grenzfläche zwischen dem Darminhalt und dem Körperinneren und ist damit ein zentraler Bestandteil der Darmbarriere.

Die Darmschleimhaut kann noch mehr – unsere innere Schutzbarriere

Zu dieser Darmbarriere gehören unter anderem die Schleimschicht, die Darmepithelzellen und so genannte Tight Junctions. Tight Junctions kann man sich wie kleine Verschlüsse zwischen den einzelnen Darmzellen vorstellen. Sie sorgen dafür, dass nicht beliebig Stoffe zwischen den Zellen hindurch in den Körper gelangen können.

Das ist besonders wichtig, weil sich im Darminhalt neben Nährstoffen auch Bakterien, bakterielle Bestandteile und verschiedene Fremdstoffe befinden.

Ist die Darmbarriere intakt, entscheidet sie sehr gezielt, welche Stoffe aufgenommen werden dürfen und welche im Darm verbleiben.

Direkt hinter der Darmbarriere wacht das darmassoziierte Immunsystem, kurz GALT (Gut Associated Lymphoid Tissue). Man kann es sich vereinfacht wie einen Türsteher vorstellen: Es hilft dabei zu unterscheiden, was harmlos ist und toleriert werden kann und wann das Immunsystem aktiv werden muss.

Der Darm als Spiegel der Gesundheit?

Rund 80 % des Immunsystems des Hundes sind diesem darmassoziierten Immunsystem (GALT) zuzuordnen.

Doch warum ist dieses Zusammenspiel nun für die Gesundheit des gesamten Organismus von Bedeutung?

Immunologische Vorgänge im Darm müssen nicht auf diesen begrenzt bleiben. Immunologische Botenstoffe und mikrobielle Stoffwechselprodukte können über Blut- und Lymphwege auch auf entfernte Organe und Gewebe einwirken.

Der Darm ist damit nicht nur Verdauungsorgan und Eintrittspforte für Nährstoffe, sondern zugleich ein wichtiger Ort der Immunregulation und Kommunikation mit dem übrigen Körper.

Daher ist es von essenzieller Bedeutung, dieses empfindliche und komplexe Zusammenspiel zu unterstützen und im Gleichgewicht zu halten.

Ein wichtiger Baustein ist dabei die Unterstützung eines stabilen und vielfältigen Darmmikrobioms.

Das Mikrobiom – kleine Bewohner mit großer Wirkung

Unter dem Darmmikrobiom versteht man die Gesamtheit der Mikroorganismen, die den Darm besiedeln. Dazu gehören vor allem Bakterien.

Bestimmte Darmbakterien verwerten unverdauliche Nahrungsbestandteile, insbesondere Ballaststoffe. Dabei entstehen sogenannte kurzkettige Fettsäuren wie Acetat, Propionat und Butyrat.

Diese Stoffwechselprodukte haben wichtige Funktionen im Darm. Besonders Butyrat dient den Zellen der Darmschleimhaut als Energiequelle und trägt dazu bei, die Darmbarriere sowie die Verbindungen zwischen den einzelnen Darmzellen – die sogenannten Tight Junctions – zu unterstützen.

Doch Butyrat wirkt nicht nur auf die Darmschleimhaut. Es spielt auch bei der Regulation des Immunsystems eine Rolle. Unter anderem unterstützt es die Bildung und Funktion sogenannter regulatorischer T-Zellen. Diese kann man sich vereinfacht als eine Art „Bremse“ des Immunsystems vorstellen: Sie helfen dabei, überschießende Immunreaktionen zu begrenzen und die Toleranz gegenüber eigentlich harmlosen Stoffen aufrechtzuerhalten.

Damit wird deutlich, wie eng Darmmikrobiom, Darmbarriere und Immunsystem miteinander verbunden sind.

Gerät das Darmmikrobiom aus dem Gleichgewicht, spricht man von einer Dysbiose. Diese kann mit Veränderungen der Darmbarriere und der fein abgestimmten Immunregulation im Darm einhergehen.

Wird die Darmbarriere zunehmend durchlässig, können Bestandteile aus dem Darminhalt leichter mit dem darunterliegenden Immunsystem in Kontakt kommen. Diese erhöhte Durchlässigkeit der Darmbarriere wird häufig als ‚Leaky Gut‘ bezeichnet.

Die Darm-Haut-Achse – der Kreislauf schließt sich

Mehrere voneinander unabhängige Studien, die zwischen 2022 und 2025 veröffentlicht wurden, zeigen, dass sich das Darmmikrobiom von Hunden mit atopischer Dermatitis messbar von dem gesunder Hunde unterscheiden kann. Auch beim Hautmikrobiom wurden Unterschiede festgestellt.

In mehreren Untersuchungen zeigte sich bei atopischen Hunden eine geringere mikrobielle Vielfalt im Darm. Eine geringere Vielfalt kann darauf hinweisen, dass das mikrobielle Ökosystem weniger stabil und anfälliger für Störungen ist.

Besonders auffällig waren die Veränderungen einzelner Bakteriengruppen. In einer Studie aus dem Jahr 2023 an Shiba Inu sank der Anteil der Gattung Fusobacterium von 20,6 % bei gesunden Hunden auf nur noch 0,06 % bei atopischen Hunden. Auch Megamonas ging von 18,4 % auf nahezu null zurück.

Dabei handelt es sich nicht nur um geringfügige Verschiebungen. Betroffen sind Bakteriengruppen, die an wichtigen Stoffwechselprozessen beteiligt sind und unter anderem zur Bildung o.g. kurzkettiger Fettsäuren beitragen und entzündungsregulierende Funktionen unterstützen können.

Gleichzeitig wurden bei atopischen Hunden andere Bakteriengruppen vermehrt nachgewiesen, darunter Clostridioides, Catenibacterium und Proteobakterien. Diese werden mit entzündlichen Prozessen im Darm und einer beeinträchtigten Barrierefunktion in Verbindung gebracht.

Auch Veränderungen der Darmbarriere selbst wurden untersucht. Eine Studie aus dem Jahr 2024 zeigte bei atopischen Hunden im Vergleich zu gesunden Hunden erhöhte Werte bestimmter Marker, die auf eine Beeinträchtigung der Darmbarriere hinweisen können.

Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass Darm und Haut offenbar enger miteinander verbunden sind, als man zunächst vermuten könnte.

Diese Verbindung zwischen Darm und Haut wird als Darm-Haut-Achse bezeichnet.

Das bedeutet nicht, dass jeder Juckreiz seinen Ursprung im Darm hat. Es zeigt jedoch, warum es gerade bei chronischen oder immer wiederkehrenden Hautproblemen sinnvoll sein kann, den Darm als möglichen Teil des Gesamtgeschehens mit einzubeziehen.

Fazit – manchmal lohnt sich der Blick unter die Oberfläche

Zurück zu Milo: Was zunächst wie ein reines Hautproblem aussah, führte im Laufe der Ursachenforschung immer weiter über die Haut hinaus. Denn wenn sich äußerlich keine eindeutige Erklärung findet, lohnt es sich, auch Faktoren wie Fütterung, Nährstoffversorgung, Darmbarriere und Darmmikrobiom genauer zu betrachten.

Für mich steht nicht die Frage im Mittelpunkt: „Ist es die Haut oder ist es der Darm?“

Sondern vielmehr: „Was bringt das gesamte System aus dem Gleichgewicht und wo können wir sinnvoll ansetzen?“

Hinweis

Die Inhalte dieses Beitrags dienen ausschließlich der allgemeinen Information und ersetzen keine individuelle tierärztliche Diagnose, Beratung oder Behandlung. Sie stellen keine konkrete Therapieempfehlung für den einzelnen Hund dar.

Gesundheitliche Beschwerden können unterschiedliche Ursachen haben und sollten insbesondere bei akuten, starken oder anhaltenden Symptomen tierärztlich abgeklärt werden.

Die Inhalte wurden nach bestem Wissen und auf Grundlage der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung verfügbaren Informationen und Quellen erstellt. Eine Gewähr für Vollständigkeit, Richtigkeit und Aktualität kann dennoch nicht übernommen werden.

Quellen und weiterführende Literatur

Rostaher A, Morsy Y, Favrot C, Unterer S, Schnyder M, Scharl M, Fischer NM. Comparison of the Gut Microbiome between Atopic and Healthy Dogs – Preliminary Data. Animals. 2022;12(18):2377. DOI: 10.3390/ani12182377.

Sinkko H, Lehtimäki J, Lohi H, Ruokolainen L, Hielm-Björkman A. Distinct healthy and atopic canine gut microbiota is influenced by diet and antibiotics. Royal Society Open Science. 2023;10(4):221104. DOI: 10.1098/rsos.221104.

Thomsen M, Künstner A, Wohlers I, et al. A comprehensive analysis of gut and skin microbiota in canine atopic dermatitis in Shiba Inu dogs. Microbiome. 2023;11:232. DOI: 10.1186/s40168-023-01671-2.

Ekici YE, Ok M. Investigation of the relationship between atopic dermatitis of dogs and intestinal epithelial damage. Veterinary Medicine and Science. 2024;10. DOI: 10.1002/vms3.1453.

Song H, Mun SH, Han DW, Kang JH, An JU, Hwang CY, Cho S. Probiotics ameliorate atopic dermatitis by modulating the dysbiosis of the gut microbiota in dogs. BMC Microbiology. 2025;25:228. DOI: 10.1186/s12866-025-03924-6.

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